Rebellin. Pionierin. Kriegerin. Und heute Begleiterin.

Wenn ich dieses Bild sehe, muss ich schmunzeln.
So erinnere ich mich an mich selbst:
Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt.
Zumindest ist es das Bild, das bis heute in meiner Erinnerung geblieben ist.
Ich sehe mich vorneweg gehen. Entschlossen. Klar. Mit einer Energie, die nicht lange überlegt, sondern einfach losgeht, wenn ich etwas als ungerecht empfinde.
Und hinter mir meine Mitschüler.
Ich hatte nie das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen.
Aber ich hatte ein sehr starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit.
Wenn ich erlebt habe, dass jemand unfair behandelt wurde, bin ich losgegangen.
Ich habe Gespräche geführt. Dinge hinterfragt. Mich eingesetzt.
Nicht, weil ich besonders mutig sein wollte.
Sondern weil ich gar nicht anders konnte.
Dieses Feuer war einfach da.
Und es ist bis heute geblieben.
Auch später im Leben bin ich immer wieder Situationen begegnet, die sich für mich nicht richtig angefühlt haben.
Ungerechtigkeit.
Machtspielchen.
Menschen in Verantwortung, die sie nicht immer so gelebt haben, wie ich es mir gewünscht hätte.
Ich habe Dinge angesprochen.
Ich habe versucht, etwas zu verändern.
Ich habe Gespräche geführt.
Und manchmal hat sich nichts verändert.
Das hat mich wütend gemacht.
Und oft auch hilflos.
Heute sehe ich diese Wut mit anderen Augen.
Sie war nie falsch.
Sie war ein Hinweis.
Ein Hinweis darauf, was mir wirklich wichtig ist.
Respekt.
Wertschätzung.
Menschlichkeit.
Verantwortung.
Mit den Jahren hat sich etwas in mir verändert.
Nicht mein Wunsch nach einer gerechteren Welt.
Sondern meine Haltung dazu.
Früher bin ich für andere losgegangen.
Ich wollte Dinge richtigstellen, schützen, verändern.
Heute weiß ich:
Ich kann Menschen ihre Erfahrungen nicht abnehmen.
Ich kann ihnen Impulse geben.
Ich kann Fragen stellen.
Ich kann meine Sicht teilen.
Aber den Weg gehen müssen sie selbst.
Und gleichzeitig gibt es da noch diesen anderen Teil in mir.
Der ist geblieben.
Der Teil, der mit einem Fingerschnips loslaufen könnte, um zu klären, zu schützen.
Der sofort in Bewegung gehen würde, wenn er Ungerechtigkeit spürt.
Früher bin ich genau aus diesem Teil heraus gehandelt.
Heute ist er noch da - sehr lebendig sogar.
Aber ich muss ihm nicht mehr folgen.
Ich kann ihn sehen.
Ich kann ihn liebevoll halten, ohne dass er die Richtung vorgibt.
Und genau deshalb gehe ich heute nicht mehr gegen etwas los.
Ich gehe für etwas los.
Für Menschlichkeit.
Für echte Begegnungen.
Für eine Arbeitswelt, in der Menschen sich gesehen und respektiert fühlen.
Damals habe ich gegen Ungerechtigkeit gekämpft.
Heute lebe ich das, was ich mir wünsche.
Mein Feuer ist nicht weniger geworden.
Es ist ruhiger geworden.
Klarer.
Und vielleicht sogar kraftvoller.
Und wofür gehst Du los?



