Echte Nähe im Abschied
- Sabine Westerheide

- 12. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Feb.

Was sagt man, wenn jemand stirbt?
„Mein herzliches Beileid.“
Ein Satz, den wir gelernt haben.
Ein Satz, der irgendwie dazugehört.
Ein Satz, den man sagt, wenn jemand stirbt.
Und doch hat mich genau dieser Satz gestern ins Wanken gebracht...
Ich telefonierte mit meinem Mentor, dessen Schwester gestorben war. Er erzählte es ruhig, sachlich. Und ich antwortete - wie so oft - automatisch: „Mein Beileid.“
Seine Reaktion kam prompt: „Warum sprichst du mir dein Beileid aus? Du weißt doch gar nicht, ob ich leide.“ Ich war irritiert.
Er fuhr fort: „Und wenn ich leide - dann kommt mit deinem Beileid ja noch dein Leid oben drauf. Dann habe ich doppeltes Leid.“
Ich versuchte es anders.
„Mein Mitgefühl.“
Wieder Widerspruch.
„Woher willst du wissen, wie ich fühle? Und was heißt das überhaupt - mitfühlen?“
Das Gespräch ließ mich nicht los.
Später rief ich ihn noch einmal an und bat ihn, mir seine Sicht genauer zu erklären. Er sprach von Floskeln. Von übernommenen Formulierungen. Von Worten, die wir sagen, ohne wirklich zu prüfen, was sie bedeuten.
Er selbst würde eher sagen:
„Oh.“ Er würde einen Moment still sein, innehalten.
Und dann vielleicht: „Wie geht es dir gerade?“
Und dann: „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“
Ohne Mitgefühl. Ohne Mitleid. Ohne Beileid.
Und ich merkte: In mir entsteht Widerstand.
Fehlt da nicht etwas?
Ist das nicht zu nüchtern?
Zu wenig Herz?
Gleichzeitig verstand ich ihn.
Wenn ich ehrlich bin - was sage ich da eigentlich?
Beileid heißt: Ich leide mit dir.
Mitleid heißt: Ich leide mit.
Mitgefühl heißt: Ich fühle mit.
Aber weiß ich wirklich, was der andere fühlt?
Weiß ich, ob er leidet?
Ob er vielleicht erleichtert ist?
Ob er taub ist?
Oder noch gar nichts begreift?
Nein.
Und vielleicht liegt genau darin der Kern.
Vielleicht geht es nicht darum, das perfekte Wort zu finden.
Nicht darum, die gesellschaftlich passende Formulierung zu wählen.
Nicht darum, etwas „Richtiges“ zu sagen.
Sondern darum, wahrhaftig zu sein.
Was möchte ich wirklich ausdrücken, wenn mir jemand sagt, dass ein Mensch gestorben ist?
Wenn ich ganz still werde, merke ich:
Ich möchte nicht definieren, was der andere fühlt.
Ich möchte nichts überstülpen.
Ich möchte keinen Schmerz vergrößern und keinen kleinreden.
Ich möchte eigentlich nur sagen:
Ich weiß nicht, wie es dir geht.
Ich weiß nicht, was in dir vorgeht.
Aber ich bin da.
Vielleicht ist genau das die ehrlichste Form von Anteilnahme.
Kein Konzept.
Keine Zuschreibung.
Keine Floskel.
Sondern Präsenz.
Und vielleicht ist das auch das, was ich gestern lernen durfte:
Es kommt nicht darauf an, das Richtige zu sagen.
Nicht darauf, genau das zu treffen, was der andere gerade hören möchte.
Es kommt darauf an, das zu sagen, was sich in mir wahrhaftig anfühlt.
Das, was aus meinem Herzen kommt.
Das, was für mich stimmig ist.
Denn echte Verbindung entsteht nicht durch perfekte Worte -
sondern durch Echtheit.
Ein Gedanke sechs Tage später...
Heute fühlt es sich in mir weiter an. Vielleicht werde ich wieder „Mein Beileid“ sagen. Nicht als Floskel. Sondern als bewusste Entscheidung. Das Wort ist nicht das Entscheidende.
Die Präsenz dahinter ist es.
Das sind meine Gedanken. Wie geht es Dir beim Lesen?


