Wenn Arbeit krank macht - und niemand hinschaut
- Sabine Westerheide

- 31. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Gestern, bei meinem Termin bei einem Rechtsanwalt, habe ich am Ende unseres Gesprächs meinen Flyer für das Seminar „Menschsein am Arbeitsplatz“ überreicht. Ich erzählte ihm von meiner Vision, von meiner Idee, warum mir dieses Thema so am Herzen liegt.
In diesem Moment erzählte er mir von seiner Mitarbeiterin. Sie sei schon länger krank, sagte er, und er hoffe sehr, dass sie bald wieder zurückkomme.
Während er sprach, ploppte in mir meine eigene Geschichte auf.
Die vom Dezember 2022:
Eine Geschichte, in der mir in einer Nacht eine Klarheit geschenkt wurde:
Wenn ich hier nicht stoppe, verspiele ich das Geschenk des Lebens, das mir nach meiner Krebserkrankung geschenkt wurde.
Zeichen hatte es schon lange gegeben. Über ein Jahr lang.
Ich hatte sie wahrgenommen - und doch nicht wirklich sehen wollen.
Nicht, weil ich unachtsam war, sondern weil mir damals das Wissen fehlte. Die Erfahrung. Die Sprache für das, was ich fühlte und erlebte.
Am Ende blieb mir nichts anderes, als von heute auf morgen die Arbeitswelt zu verlassen.
Mich um mich zu kümmern.
Meine Gesundheit zu schützen.
Mein Leben.
Und genau mit dieser Erfahrung im Körper hörte ich gestern dem Rechtsanwalt zu.
Was ist, wenn auch seine Mitarbeiterin während ihrer Arbeit Dinge erlebt und wahrgenommen hat, die nicht mit ihren eigenen Werten übereinstimmen?
Was ist, wenn auch sie, so wie ich damals, gespürt hat, dass etwas nicht stimmt, es aber nicht benennen konnte?
Wenn ihr die Worte gefehlt haben für das, was in ihr war? Für das, was sie gebraucht hätte? Für das, was sie sich gewünscht hätte?
Für die Möglichkeit, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen?
Was ist, wenn auch ihr Körper ihr schon lange leise Symptome geschickt hat und sie sie übergangen hat, weil sie nicht wusste, was sie bedeuten?
Und was ist, wenn das Gegenüber, in dem Fall die Führungskraft, ebenfalls keine Worte, keine Erfahrungen, keinen Raum dafür hat?
Und was ist, wenn der Körper irgendwann nicht mehr leise sein kann und mit dem Scheunentor zuschlägt, weil es keinen anderen Weg mehr gibt?
In diesem Moment wurde mir wieder sehr bewusst, wie wenig wir alle wirklich über wertschätzendes Miteinander und Kommunikation wissen.
Wir glauben, wir können es.
Wir glauben, wir leben es.
Doch wie es sich wirklich anfühlt, in echtem Kontakt zu sein, wissen die wenigsten von uns.
Es braucht Mut, in Unsicherheit da zu bleiben.
Im Kontakt mit einem anderen Menschen zu benennen, was gerade in mir ist.
Was Worte, Blicke, Situationen in mir auslösen.
Den anderen so zu lassen, wie er ist - ohne ihn verändern zu wollen.
Und mich gleichzeitig klar zu zeigen mit dem, wie ich bin.
Und dennoch im Kontakt zu bleiben.
Bereit zu sein für den Versuch eines Miteinanders.
Für das Suchen nach einer gemeinsamen Sprache.
Das braucht Mut.
Und es braucht ein echtes Wollen.
Meine Vision ist eine Arbeitswelt,
in der Menschen diese Fähigkeiten lernen dürfen, bevor der Körper übernehmen muss.
Eine Arbeitswelt, in der Menschsein Platz hat.
Auf beiden Seiten.
Mal ehrlich: Wer sorgt in Deinem Fall dafür, dass Deine Arbeit Dich nicht krank macht?


